Im September 1814 beauftragte der Darmstädter Hoftheaterwerkmeister Johann Christian Lauteschläger seinen Polier Johannes Fuhrer, auf dem Dachboden des Hotels „Traube“ in Darmstadt Instandsetzungsarbeiten vorzunehmen. Das Hotel sollte wegen der Heimkehr hessischer Soldaten aus den napoleonischen Kriegen neu hergerichtet werden. Fuhrer, der aus Umstadt stammte und das Handwerk des Zimmerers erlernt hatte, machte sich umgehend an die Arbeit. Dabei bemerkte er ein großes, altes Pergament, auf dem die Ehefrau des Gastwirts Bohnen dörrte. Es war stattliche vier Meter lang und knapp 90 cm breit. Unter Schmutz und Flecken waren Bauzeichnungen zu erkennen. Fuhrer ahnte wohl, dass es sich um ein wertvolles historisches Dokument handeln könnte, ohne aber nähere Einzelheiten zu wissen. Er nahm den Riss daher an sich und begab sich in den nahe gelegenen Theaterbau. Dort zeigte er ihn seinem Chef Lauteschläger, der aber mit dem Fund nichts anzufangen wusste. Er zog deshalb den Darmstädter Hofmaler Seekatz hinzu. Auch der wusste nichts Genaues und zeigte den Plan dem Darmstädter Hofbaumeister Georg Moller.
Moller bemerkte gleich, dass Fuhrer ein sensationeller Fund gelungen war. Es handelte sich um den Originalplan für den Bau des Nordturms der Westfassade des Kölner Doms, der seit 300 Jahren als turmlose Bauruine die Silhouette der Stadt Köln prägte. Der Darmstädter Baumeister, der sich schon seit Jahren mit der bautechnischen Rekonstruktion des Domes befasste hatte, war natürlich über den Fund hoch erfreut. Er schrieb an einen Freund:
„Vor einigen Wochen ist mir nemlich durch den glücklichsten Zufall der größte Schatz, den ich mir denken kann, der Originalriss des Kölner Domes in die Hände gefallen und mein Eigentum geworden. Jetzt scheint es mir ein Traum, dass dieses solange vergeblich gesuchte Kunstwerk, dessen Wert unschätzbar ist, auf dem Speicher eines Landbeamten zur Bohnendörre dienen und gerade an mich kommen musste.“
Moller galt fortan als der Entdecker des Plans, den er 1817 dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. überließ. Von Fuhrer war keine Rede mehr.
Mit der Auffindung des Plans erhielten die Bestrebungen neuen Auftrieb, den Bau des Kölner Doms endlich vollenden zu können. Dies wurde als eine Aufgabe von nationaler Bedeutung begriffen. In diesem Zusammenhang ist vor allen Dingen der Kölner Geschäftsmann Johann Sulpiz Boisserée zu nennen, ein enger Freund Goethes. Er hatte sich die Vollendung des Bauwerks zur Lebensaufgabe gemacht. Bereits 1812 war er im Stadtarchiv in Darmstadt vergeblich auf der Suche nach dem verschollenen Plan. Deshalb war er hoch beglückt, als Moller ihn über den Fund informierte, der in der Fachwelt – und nicht nur dort – größtes Aufsehen erregen sollte.
Schon kurze Zeit danach war Boisserée in Begleitung Goethes unterwegs nach Darmstadt. Goethe war begeistert, als Moller ihm das Pergament zeigte. Er schrieb an Christiane Vulpius: „Durch den sonderbarsten Zufall hat Moller den Original Aufriss des Cöllner Doms entdeckt …“
Das Fundstück galt als die „schönste und bedeutendste Architekturzeichnung des Mittelalters“. Es ermöglichte den ersehnten stilgerechten Weiterbau des Kölner Doms. Literarisch drückte dies Friedrich Rückert in romantischer Grundstimmung in seinem Gedicht „Der Dom zu Köln“ so aus:
Es lag in Finsternis
Des Meisters Plan und Riß
Jüngst hat man aus der Nacht
Den Plan ans Licht gebracht
Vom hohen Dom zu Köln!
…
Umsonst ward nicht entdeckt
Der Plan, der war versteckt.
Der Plan sagt es uns laut:
Jetzt soll seyn ausgebaut
Der hohe Dom zu Köln.
Einen Haken hatte die Sache allerdings: der Plan auf dem Dachboden der „Traube“ zeigte nur einen der beiden Türme. Es fehlte also eine Hälfte. Boisserée gelang es, 1816 die andere Hälfte in Paris ausfindig zu machen. Jetzt stand der Vollendung des Dombaus nichts mehr im Wege. 1842 wurde zum zweiten Mal der Grundstein gelegt. 1880 wurde der Dom in Gegenwart des Kaisers eingeweiht.
Bleibt die Frage, wie der verschollene Riss nach Darmstadt auf den Dachboden der „Traube“ kam. In allen Einzelheiten ist dies nicht geklärt. So viel scheint allerdings festzustehen: 1794 brachten die Kölner Domherren die im Dom gelagerten Schätze in Sicherheit, weil die Besetzung Kölns durch französische Soldaten drohte. Der von Fuhrer aufgefundene Teil des Domplans soll in ein Kloster bei Arnsberg, später nach Bamberg gekommen sein. 1803 erhielt Darmstadt durch den Reichsdeputationshauptschluss u.a. das kölnische Herzogtum Westfalen als Entschädigung für den Verlust seiner linksrheinischen Gebiete. Deshalb kamen Kölner Archivakten nach Darmstadt. Wie es heißt, wurden die Kisten mit den Archivalien im Hotel „Traube“ abgestellt. Auf heute nicht mehr feststellbare Weise gelangte der Dom-Riß auf den Dachboden und diente dort der Gastwirtin als Unterlage zur Bohnendörre bis Fuhrer ihn aus seinem Dornröschenschlaf erweckte.
Wir dürfen uns übrigens den Zimmermannsgesellen nicht als einen unbedarften Handwerksburschen vorstellen, der servil und unwissend den Plan seinem Vorgesetzten gezeigt hätte. Johannes Fuhrer war ein heller Kopf und hatte durchaus Sachverstand in Bausachen. Als in Umstadt zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Brandkataster eingeführt wurde, mussten alle Häuser auf ihren Wert geschätzt werden. Mit dieser wahrlich nicht einfachen Aufgabe waren seinerzeit (1801) die Zimmerleute Bezel und Fuhrer eingesetzt, wie der Umstädter Stadtrechnung 1802/03 zu entnehmen ist. Wir können deshalb davon ausgehen, dass ihm auf dem Dachboden der „Traube“ durchaus bewusst war, ein wertvolles historisches Baudokument in Händen zu haben, wenn er auch sicherlich die Tragweite des sensationellen Fundes nicht abschätzen konnte.
Aber es war wie so oft im Leben: niemand dankte es ihm. Nicht er, sondern Moller galt (und gilt im Wesentlichen bis heute) als der Entdecker des Plans. Er erhielt dafür vom preußischen König einen hohen Orden. Boisserée wurde 1845 für seine Verdienste um den Dombau von König Friedrich Wilhelm IV. zum preußischen Hofrat ernannt.
Johannes Fuhrer speiste man mit einer „Belohnung“ von einem (!!) Taler ab. Er wurde in späteren Jahren arbeitslos und suchte als Pfründtner in einem Hospital Zuflucht. Er starb in Armut am 11.11.1854 in Darmstadt und wurde auf Kosten der Stadt beerdigt.
Vielleicht hilft diese kleine Abhandlung dazu, dass er wenigstens in seiner Heimatstadt nicht in Vergessenheit gerät.
Quellen
Gabler: Das Hotel „Zur Traube“ (Einzelexemplar im Staatsarchiv Darmstadt).
Stadtarchiv Groß-Umstadt: Stadtrechnung 1802/03 fol.232.
Gudrun Schury: Wer nicht sucht, der findet. Zufallsentdeckungen in der Wissenschaft. S. 56 ff. Frankfurt/Main 2006.
// Peter Füßler im Januar 2010